CZ vom 29.10.2000

Per Mausklick nach Hassel
Ein kleiner Ort im großen Netz


Hassel (en). Kaum hat man das grüne Ortsschild der Siedlung Hassel auf der B3 zwischen Celle und Bergen registriert, ist der Ortsausgang auch schon erreicht. Die abzweigende K24 führt ins alte Dorf vorbei an malerischen Eichen-Bauernhöfen in Richtung Sülze. "Die grüne Lunge" im Herzen der Heide Ein Paradies für den Ruhe suchenden Romantiker, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Mit dem Routenplaner im Internet ist man ganz schnell am Ort, denn das 220-Seelendorf ist seit letztem Jahr mit einer eigenen "Homepage" im globalen Netz. Der Internetbenutzer erfährt mit einem Klick alles über den Heideort, seine Einwohner, das Dorfgemeinschaftshaus, die Geschichte und die Vereinsstatistiken.

Riechen kann er die Landidylle allerdings nicht, spazierengehen kann er auch nicht und kommunizieren? Nur bedingt: Markus Ebel und Matthias Sander, die Initiatoren dieser Internetseite kommunizieren über das Hasseler Gästebuch mit Leuten, die in irgendeiner Weise mit Hassel zu tun haben. "Wir sehen uns Sonntag beim Königsschießen in der
Lehmkuhle auf ein kühles Blondes", heißt es in einem Gästebucheintrag vom Sommer. "Schützengruß aus St. Gallen" lautet die andere
Botschaft.

An anderer Stelle möchte ein Familienforscher mehr über seine vermeintlichen Vorfahren aus Hassel erfahren. Hassel präsentiert sich offen, gar weltoffen, unkompliziert und vor allem gesellig. Dorfgemeinschaft ist kein hochstilisierter Begriff, sondern wird gelebt: Im Schützenverein, beim Nachbarn, in der Feuerwehr und im "Thing-Club."

Ortsparlament auf dem Lindloh

Sechs Schützenbrüder gründeten 1973 den Thing Club Hassel. "Wir treffen uns meistens sonntags auf dem Berg "dem Lindloh" in freier Natur und machen hier die eigentliche Ortspolitik", berichtet Hans Heinrich
Averbeck, alteingessener Landwirt und ehemaliger Ortsvorsteher. Der "Thing" geht auf die Nordgermanen zurück und galt als Volks- und Heeresversammlung. Auf Initiative des Thing Clubs wurde die alte Tradition des Osterfeuers und des
Ostereiersuchens für Kleinkinder wieder eingeführt. Gesellige Veranstaltungen aller Art unterstehen seiner Regie.

Das was vielerorts kläglich eingegangen ist lebt in Hassel somit unangefochten fort: Der Stammtisch auf dem Lindloh. In geselliger Runde berichten die Alteingessenen über vergangene Vorkommnisse und Einrichtungen: Über die einstige Reiheschule oder die alte "Lindlohziegelei", die der Saline in Sülze Steinnachschub sicherte und die mit der heutigen Lehmstichgenossenschaft im Geiste
fortlebt.

Besuchten einst 14 Kinder die einzügige Dorfschule, so waren es nach dem Krieg 70, die hier unterkommen mussten, erinnert Averbeck. Der 2. Weltkrieg hinterließ seine blutigen Spuren auch in Hassel mit Luftangriffen und Plünderungen.

"Sieben Menschen sind hier in der Nachkriegszeit umgebracht worden",weiß Averbeck. Er erinnert sich genau an die überlebenden KZ-Insassen, die nach 1945 auf die Höfe kamen. "Wir mussten mitansehen, dass viele - völlig abgemagert - dort starben und den Nachwehen des Grauens im Lager erlagen.

"Wi goht n`an Hahsel", das sagten die Hasseler damals, als es vermutlich noch Haselsträucher am Rande des Moores gab. Bereits Mitte des 14. Jahrhunderts sind Abgaben für Hassel an die Amtsvogtei Celle registriert, die auf die drei Ursprungshöfe "to dem hasle" schließen lassen. Im Viehschatzregister von 1558 sind schließlich fünf Hofstellen erwähnt.

Diese Höfe formen das alte Dorf zwischen Krähenmoor und Ostermoor. Die "Achterberger" wurden die neuen Siedler genannt, die sich hinter dem Berg niederließen.

Geschichten, die uns überdauern

Für Gesprächsstoff sorgte stets das Gasthaus Grünewald, einst "Fuhrmannsschänke". So soll sich das weibliche Thekenpersonal der damals zu Offen zählenden Wirtschaft doch recht vergnüglich mit den vorbeiziehenden Fernfahrern eingelassen haben. Der Haken: Die
Gemeinden mussten sich
früher um die unehelichen Kinder kümmern und das wurde Offen wohl doch zu teuer. So kam es, dass Grünewald
den Hasselern untergejubelt wurde.
Anekdoten von einst, die vielleicht auch im weltweiten Netz der Zukunft ein Stück Hasseler Vergangenheit hinterlassen.

von Astrid Engelbrecht

Astrid Engelbrecht
Hassel
29.10.2000